Mein Brief an mich…

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Ich bin dieses Wochenende allein zu Hause – ohne Mann und Kinder – ein seltenes Phänomen. Alle paar Monate bekomme ich von meinem Mann dieses Geschenk, um zur Ruhe zu kommen, Liegengebliebenes aufzuarbeiten und einfach mal bei mir anzukommen. Als ich nun am Samstag vom Einkaufen im Biomarkt zurück kam und in den Briefkasten schaute, sah ich einen Brief, den ich schon vergessen hatte. Ich habe diesen Brief vor einem halben Jahr geschrieben, am Ende meines MBSR Kurses. MBSR heißt Mindfulness-Based Stress Reduction oder auch Achtsamkeitskurs. Als ich letzten Sommer am Ende meiner Kräfte war, hat unter anderem dieser Kurs mir geholfen, wieder zu mir zu kommen. Meine Neurodermitis zu akzeptieren und durchzuatmen. Mit Durchatmen sind wir auch schon beim Kern der Sache: Atmen, bei sich sein – das sind die größten Geschenke, die ich erhalten habe mit diesem Kurs. Ich möchte euch den Brief natürlich nicht vorenthalten, hier also ein Brief an mich:

„Liebe Fine,

heute ist der letzte Tag des MBSR Kurses, ich bin ein bisschen traurig, dass er heute endet. Die Mittwoch Abende hier zu verbringen, zu meditieren und mein Verhalten zu reflektieren hat mir viel bedeutet und in meiner persönlichen Entwicklung viel gebracht. Mein Verhalten Luv und Lee* gegenüber ist aufmerksamer, liebevoller und mit mehr Vertrauen. Ich meckere weniger -> eine Erkenntnis ist, dass ich häufig meckere, wenn ich Angst um sie habe (in vermeintlich gefährlichen Situationen). Aber auch die Aufmerksamkeit auf mich und meine Gefühle zu richten hat mir geholfen Automatismen und (falsche) Erwartungen an mich und meine Umgebung zu erkennen und teilweise (durch Inne halten) zu verändern. Ich habe grad das Gefühl zum 1. Mal seit den Geburten meiner Kinder das Leben zu genießen. Dabei hilft mir vor allem die 45 Minuten am Tag für mich. Das möchte ich mir auf jeden Fall bewahren. Beim Bodyscan ohne Anleitung kribbelt alles und es fühlt sich an wie Energie in meinem Körper und bei der Sitzmeditation habe ich das Gefühl eines Entrücktseins und danach bin ich wirklich entspannter! Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Kurs gebucht habe und jedes Mal da war, obwohl ich bei solchen Kursen gern dazu neige, abzubrechen, weil alles zu anstrengend ist. Das war am Anfang auch so, aber inzwischen merke ich den Effekt so gut, dass ich mich auf die Einheiten freue. Auch der Achtsamkeitstag in Stille** hat mir gezeigt, dass etwas wovor ich Angst habe, mir so gut tun kann. Ich möchte in Zukunft an den freien Wochenenden die Zeit mehr dazu nutzen zu meditieren und in Ruhe zu sein. Die Zeit für mich ist wichtig und ich muss sie mir einfordern von meiner Familie. Aber achtsam und in Einbeziehung meiner Kinder und meines Mannes. Damit alle Bedürfnisse beachtet und integriert werden. Also mach das weiter – es tut dir so gut! Deine Fine

P.S.: Die Neurodermitis soll nicht mein Leben bestimmen, sondern ich bestimme mein Leben und die Richtung trotz Erkrankung – ich muss das akzeptieren ohne es verändern zu müssen.“

Tja was soll ich sagen? Nachdem ich den Brief erhalten habe, habe ich mich auf unseren Balkon gesetzt, die Augen geschlossen und begonnen zu meditieren. Manchmal passt alles. Es war der richtige Zeitpunkt diesen Brief zu erhalten.

*Die Namen meiner Kinder hab ich hier geändert, damit niemand sie einfach auf der Straße ansprechen kann. Bei zwei Schiffbauern liegt außerdem Luv (dem Wind zugewandte Seite) und Lee (dem Wind abgewandte Seite) sehr nahe.

** Wir haben 8h in Stille verbracht, meditiert, den Bodyscan und eine Gangmeditation durchgeführt. Ebenso achtsames, langsames Yoga.

Bei dem MBSR Kurs geht es darum zu verstehen, was Stress ist, wie man mit Ihm umgeht und wie man Ihn reduzieren kann. Verschiedene Techniken zur Selbstbeobachtung wurden mir in die Hand gegeben. Als Hilfe um in Stresssituationen zuerst durchzuatmen als „vorbestimmt“ zu reagieren lernt man zuerst den Bodyscan (liegende Körperbbeobachtung, Körperteil nach Körperteil wird gescant nach Empfindungen), anschließend geht es über Sitzmeditation (Atmen/Selbstbeaobachtung) zu achtsamen Yoga. Ungefähr 45 Minuten pro Tag zum Üben sollten eingeplant werden. Es lohnt sich, diese Zeit wirklich für sich zu nutzen. Aber es werden keine Erwartungen gestellt. Man sollte sich nur jeden Tag neu und bewusst für oder gegen das Üben entscheiden. Generell geht es im Kurs viel um erlernte Routinen und Erwartungen, die tief in uns drin stecken, die man erkennen muss, um dann in den stressigen Momenten anders reagieren zu können.

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