Das Hamsterrad des Kaufens und Arbeitens

Heute morgen hab ich eine sehr interessante Frau getroffen. Ich saß auf einem Stuhl auf einem belebten Platz hier in Rostock. Ich hatte meine heiße Tasse in der Hand und es war kalt. Ich trank meinen Kaffee und träumte vor mich hin als plötzlich eine Frau aus dem Café kam und sich hinter mich setzte. Sie meinte, dass sie ein Gewohnheitstier ist und wenn möglich immer dort sitzt und ich mich nicht gestört fühlen soll. Daraufhin kamen wir in ein wunderbares, inspirirendes und langes Gespräch. Es ging um Kinder, um die Arbeit und MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction).

Kaffeezeit bei Ronja Espresso am Doberaner Platz in Rostock – ein Ort um Menschen kennenzulernen

Die MBSR Kurse die wir bei unterschiedlichen Lehrern und zu unterschiedlichen Zeiten besucht haben, haben uns an diesem Morgen dorthin geführt – in dieses Café. In MBSR Kursen lernt man, achtsam zu leben und zu handeln. Zu erfühlen, was einem gut tut und was man benötigt, um sich gut zu fühlen. Bei Ihr hat der MBSR Kurs dazu geführt, ab und zu morgens früher aufzustehen und in diesem Café Ihren Morgen zu verbringen, mit Blick auf diesen belebten Platz, in Ruhe. Bei mir hat es dazu geführt, dass ich meinen Job hinter mir gelassen habe, weil er mir nicht gut getan hat. Und nun habe ich zum ersten Mal seit der Elternzeit die Möglichkeit – die Ruhe – mich morgens dorthin zusetzen und ebenfalls meinen Kaffee zu genießen. Dabei beobachte ich die anderen, fremden Menschen und fühle mich gut dabei, diese Auszeit zu haben.

Früher verlief jeder Tag ähnlich – aufstehen, die Kinder wegbringen, arbeiten, einkaufen, Kinder abholen, Spielplatz/Garten besuchen, Abendessen und Kinder ins Bett bringen. Ein Kreislauf, der mich auf Dauer nicht glücklich gemacht hat, bis mir vor einigen Monaten aufgefallen ist, dass dieser Kreislauf das berühmt berüchtigte Hamsterrad ist, aus dem wir nicht herauskönnen oder wollen. Was meine ich damit? Ein gutes Beispiel ist ein kaputter Fahrradreifen: Ich bringe das Fahrrad zu einer Werkstatt, um den Reifen zu wechseln, weil ich dafür sehr lange brauche. Ich erkaufe mir also Zeit. Zeit die ich zum Arbeiten nutze, um die Reperatur des Reifens bezahlen zu können. Ich habe also nichts gewonnen. Wenn ich nicht arbeiten würde oder nur reduziert, dafür aber alles selbst mache (alles was mir möglich ist zumindestens) und weniger kaufe, würde ich Geld sparen und wir kämen trotzdem gut über die Runden. Und ich entscheide dazu auch noch was ich z.B. bei Lebensmitteln an Gewürzen und Zutaten hineingebe (das ist bei Allergikern eh zwingend nötig). Dadurch gewinne ich Zeit, weil viele Sachen gar nicht so aufwendig sind, wie wir denken. Zum Beispiel gekaufter Hummus kostet zwischen 3 und 5€, wenn ich ihn selbst mache kostet das Glas ca. 1€. Aber ich mache gleich mehrere und friere sie ein. Das dauert ca. 130Minuten – ohne Einweichen, aber mit Aufkochen was 2h dauert (da muss ich nicht zwingend die ganze Zeit in der Küche bleiben). Wenn man 2x in der Woche Hummus kauft, summiert sich das natürlich und ich spare am Ende. Das ist nicht nur beim Essen so, sondern auch bei Kosmetika und Putzmitteln. Auch wer eine Haushaltskraft bezahlt ist in diesem Kreislauf. Wir erkaufen uns diese Mehr-Zeit (die wir nicht mit Aufräumen verbringen müssen), mit Geld welches wir erarbeiten müssen. Durch die Arbeit sind wir dauergestresst und nutzen die „Frei“-Zeit die wir uns erkauft haben nicht sinnvoll, sondern sind permanent unter Druck, gestresst und zum Teil auch schlecht gelaunt.

Wenn wir also weniger konsumieren, können wir mehr Zeit mit wirklich wichtigen Dingen verbringen. Mit Freunden, unserer Familie, unseren Hobbies oder auch einfach nur mit uns. Zeit mit uns selbst ist so kostbar und wertvoll, weil wir zur Ruhe kommen können, entspannter mit anderen sind und uns so akzeptieren können wie wir sind.

Diese Momente, die einem großes Glück bescheren, passieren nicht während meiner Arbeit, sondern mit meinen Freunden und meiner Familie.

Ich bin lange durch die Welt gegangen, mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Sicherheit wichtig ist, vielleicht das Wichtigste! Und das Geld mir diese Sicherheit gibt. Dieser Gedanke war/ist tief in mir verwurzelt. Einerseits durch meine Kindheit, in der ich oft das Gefühl hatte aufgrund von fehlendem Geld eingeschränkt zu sein. Andererseits durch meine Erziehung, in der es oft darum ging, dass man ohne finanzielle Absicherung nicht glücklich sein könnte. Und nur mit der richtigen Berufswahl später eine finanziell gute Situation möglich ist (Berufe, die „scheinbar“ nicht genug Geld bringen, waren keine Option, z.B. Modedesign, Kunstgeschichte, Ausbildungsberufe). Später dann, mit zwei kleinen Kindern war finanzielle Sicherheit gleich doppelt so wichtig für mich. Lange Zeit habe ich mehr Geld als mein Mann verdient, wodurch auch viel Druck auf mir lag, nicht reduzieren zu können. Dieser Gedanke war übrigens Hausgemacht. Mein Mann hat mir das niemals suggeriert. Aber wie gesagt, der Gedanke war tief verwurzelt. Jetzt zum ersten Mal seit unserer Familiengründung verdient er fast so viel wie ich. Mein Verlangen meine berufliche Situation zu verändern wurde immer größer. Und mir wurde zum ersten Mal klar, dass ich in diesem Hamsterrad stecke. Und so bin ich ausgebrochen nach langem Überlegen, gut Zureden meines Mannes („Egal was passiert, solange wir zusammen sind, ist alles gut!“) und sehr viel Mut.

Meine Familie ist das wichtigste für mich! Klar brauchen wir Geld, aber vor allem Liebe, Zeit und Achtsamkeit.

Ich sage nicht, das Geld nicht wichtig ist in unserer Welt, aber wir sollten wieder zu uns finden und Arbeiten und Shoppen nicht dafür nutzen, uns abzulenken von wirklich wichtigen Dingen. Eins der Dinge die Sterbende/Schwerkranke regelmäßig bereuen, ist zu wenig Zeit mit der Familie und Freunden verbracht zu haben. Die Arbeit wird sich nicht an uns erinnern, unsere Lieben aber schon!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s